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Der Cane Corso und der Stier
( Artikel von Paolo Breber )
In der italienischen Hundefachzeitung "canidapresa"erschien 1997 ein bemerkenswerter Artikel "il cane corso e il toro" der Cane Corso und der Stier
Im 18. Jahrhundert war der Cane Corso hauptsächlich ein Treiberhund der von Metzgern gehalten wurde. Seine Aufgabe bestand darin, das Schlachtvieh in die Metzgereien zu treiben. Bevor die heutigen LKW-Viehtransporter aufkamen, die die Rinder in die Schlachthöfe fahren, mußte das Vieh in die Schlachtereien getrieben werden. Häufig scheuten die Stiere und Ochsen, wenn sie den Blutgeruch in der Metzgerei wahrnahmen. Einen wildgewordenen Stier griff der Cane Corso an und packte ihn am Ohr, so daß die Treiber Seile um die Hörner werfen konnten. Der Hund ließ erst dann das Ohr des Schlachttieres los, wenn die Männer es unter Kontrolle hatten (siehe das Bild von B. Pinelli aus dem Jahre 1828). Auch verteidigte der Cane Corso Menschen, die von einem aggressiven Stier angegriffen wurden. Er lenkte die Attacke auf sich und wich dank seiner Geschicklichkeit wendig aus. In der Regel genüsgte die Anwesenheit der Hunde, um das Vieh zusammenzuhalten.

Neben dem Viehtrieb hatte der Cane Corso auch die Aufgabe die Rinder auf den Weiden zu hüten. Gerade in den wärmeren Gegenden Mittel-und Süditaliens wurden die Schlachttiere das ganze Jahr im Freien gehalten. Daher war der Cane Corso nicht nur den Metzgern, sondern auch den Viehzüchtern ein unentberlicher Helfer. Wie der abruzzesische Bluthund, so war der Cane Corso von einem ruhigen Wesen geprägt. Er konnte sein Temperament zügeln und jagte gerade auch dann nicht Katzen, Hühner und andere Kleintiere, wenn er sich vom Mensch unbeobachtet fühlte .
Der Cane Corso diente auch als Helfer beim Milchverkauf, die Bauern lieferten die Milch "kuhwarm" an die Verbraucher. Die Kuh wurde von Haus zu Haus geführt und vor der Haustüre gemolken. Diese Praxis war sehr sinnvoll, da die Milch früher nicht konserviert werden konnte. Es gab noch keine Kühlaggregate und besonders in den warmen Regionen wurde die Milch dann schnell ungenießbar. Ältere Kühe kannten ihre Runde, sie blieben vor der Haustüre der Kundschaft sehen, um sich dort melken zu lassen. Jungkühe mußten an diese Melkpraxis gewöhnt werden. Hier half der Cane Corso, indem er das Seilende, dass an den Hörnern des Tieres befestigt war, in der Schnauze festhielt. Der Bauer konnte dann das Rind leicht weisen. Der Cane Corso und der Landwirt namen die Kuh im wahrsten Sinne des Wortes in ihre Mitte.
Der Cane Corso führte das Tier auf der einen, der Bauer auf der anderen Seite.
Auch half der Cane Corso beim Melken. Jungkühe blieben bisweilen nicht ruhig stehen. Sie wichen aus, wenn der Bauer sich mit seinem Melkeimer daneben setzte. So mußte der Landwirt ein Seil zwischen den Vorderbeinen der Kuh hindurchführen und an einem Hinterbein befestigen. Der Cane Corso hielt das Ende fest und ließ das Rind nicht wegrücken.
Trotz seiner robusten Natur benötigte der Cane Corso gerade bei Regen und Wind einen trockenen, geschützten Unterschlupf. Der abruzzesische Hütehund hingegen blieb das ganze Jahr über im Freien bei seiner Herde. Die Rinder konnten in den warmen Regionen Italiens das ganze Jahr im Freien gehalten werden. Von September bis März lebten die Tiere in Wäldern, wo sie Schutz vor schlechtem Wetter und Nahrung fanden. Im Frühjahr wurden die Herden aus den Wäldern auf die Weiden getrieben. Hier warfen die Muttertiere ihre Kälber. Es war ein sehr gefährliches Unternehmen, wenn die Rinderzüchter die Jungkälber nach einiger Zeit der Mutterkuh wegnahmen. Die halbwilden Rinder griffen dabei nicht selten die Menschen an. Der Cane Corso war ein unentbehrlicher Helfer, der den Züchtern in dieser Situation beistand. Auch wenn sich die Stiere untereinander bekämpften, mußte der Cane Corso die Rivalen geschickt ablenken. In den Pontinischen Sümpfen und im Sumpfgebiet von Policoro betrieb man vor der Trockenlegung eine intensieve Büffel- und Rinderzucht. Die Tiere wuchsen in diesen Gegenden faktisch wild auf, da sie kaum einen menschlichen Kontakt hatten. Bisweilen brachen beim Viehtrieb einzelne Rinder aus. Diese wilden Herden bildeten Allgemeingut. Jeder konnte sie fangen und schlachten. Es existiert ein Bericht eines französischen Jägers aus dem Jahre 1809. Er weilte in Kalabrien und nahm an einer Rinderjagd teil. Zwischen Crati und Coscie (hier standen einst die prächtigen Gebäude von Bibari) erstreckte sich ein weitläufiges Weidegebiet, umgeben von tiefen Sümpfen. Diese Flächen waren nur vom Meer aus zugänglich. Hier lebten die Rinder ohne Brandzeichen und menschlicher Obhut. Die Jagd dieser Tiere erforderte keine allzugroße Geschicklichkeit, war aber troztdem, wegen der Wildrinder gefährlich. Die Metzger schlossen mit den Grundbesitzern Verträge und durften daher alle auf den Terrain vorkommenden Tiere jagen. Berittene Trupps mit Hunden und Netzen durchkämmten die Gegend und fingen alles was sie erwischen konnten, Hasen, Rehe, Wildschweine und Rinder. Die Rinder wurden lebendig in die Städte getrieben, da ein Transport der toten Tiere schier unmöglich erschien. Dieser Viehtrieb war von einem großen Spektakel begleitet.
Gerade in Spanien ritualisierte sich dieses "spectaculum". Heute noch finden hier die berühmten Stierkämpfe statt.

In Italien wurden ähnliche Stierkämpfe bis zu Beginn des 19.Jhs. abgehalten. Aus dem Jahre 1809 hat sich ein Augenzeugenbericht erhalten, der einen derartigen Stierkampf in Venedig beschreibt. Ein solches "spettacolo" (Schauspiel) fand an den Werktagen in der Faschingszeit statt .....
.....Die Jäger wählten einen Tag vorher 8 bis 10 Stiere aus ....., für die je 6 bis 8 Lire bezahlt wurden. Die Stiere transportierte man am Morgen des Spektakels in einem Boot in die Nähe des Kampfplatzes. Das Fest war auf dieses Ereignis ausgerichtet. Musiker bliesen ihre Trompeten. Unter dem Beifall der Zuschauer wurden einer oder zwei Stiere (bei großen Kämpfen auch vier Stiere) hereingeführt. Die Tiradori" (Jäger oder Schützen) befestigten an den Hörnern Seile. Zwei Tiradori führten in ihrer Mitte jeweils einen Stier auf dem Kampfplatz. War es nur ein Mann, der einen Stier alleine führte, genoß er bereits einen besonderen Ruf als Tirador mit nur einem Seil"....(Die Seile mit denen die Stiere geführt wurden nannte man bisweilen auch tiradori"). Um die Stiere zu reizen, befestigte man mitunter Feuerwerkskörper an den Hörnern. Nachdem die Tiradori mit ihren Stieren auf dem Platz ihre Runde gedreht hatten, wurde der erste Stierkampf abgehalten. Nun wurde ein Hund losgelassen. Er stürzte sich auf den Stier und versuchte sich in dessen Ohren zu verbeißen. Selten kam es vor, daß ein Cane Corso mit aufgeschlitzten Bauch vom Stier durch dir Luft geschleudert wurde. Das Publikum jubelte immer dem Sieger zu. Falls der erste Hund unterlegen war, wurde ein zweiter auf den Platz gelassen, bei einem besonders starken Stier zwei Hunde gleichzeitig. Der Cane Corso sollte allerdings das Ohr des Stieres nicht gleich zerreissen. Daher zogen die Hundebesitzer den Hund,nachdem er sich im Ohr des Stieres verbissen hatte, an den Hinterbeinen wieder zurück. Sie wandten verschiedene Mittel an, um den Cane Corso vom Stierohr wieder wegzubringen. So kniffen sie ihn mit harten Griff in den Schwanz, bis er das Ohr loßließ. Weitere Hunde wurden in den Stierkampf geschickt, bis die Ohren des Stieres abgerissen waren. In diesem makabren Stierkampf zählte die Geschicklichkeit der Hunde. Die Tiradori erlegten dann den Stier mit einem Gnadenschuß.
Am letzten Sonntag des Karnevals fand diese italienische Art des Stierkampfes in Venedig im Hof des Dogenpalastes statt, allerdings in einer etwas anderen Variante. Nachdem sich der Cane Corso im Ohr des Stieres verbissen hatte, liefen zwei bis drei Stierkämpfer herbei. Der eine packte ihn an seinen Hörnern und setzte sich auf seinen Nacken, während die anderen den Hund wegzogen und vom Platz führten. Schließlich sprang der Reiter wieder vom Stier. Der verwundete und gereizte Bulle verfolgte den Stierkämpfer, der sich hinter eine eigens errichtete Holzkonstruktion beim Brunnen des Palastes flüchtete. Die Leidenschaft der Venezianer für derartige Stierkämpfe war so stark, daß sie hohe Preise für gute Stierkampfhunde zahlten. Die Hunde wurden besonders prämiert, die sich am schnellsten in das Ohr des Stieres verbissen. So trainierten die Venezianer ihre Junghunde bereits an Rinderohren, die ihnen gleich, nachdem sie nicht mehr säugten, vorgeworfen wurden. Mit Pfiffen und Puhrufen quittierte das Publikum Hunde, die sich nicht in den Ohren, sondern im Nacken des Stieres verbissen hatten, oder vom Stier auf die Hörner genommen wurden..." Dieser Bericht, der diesen Cane Corso Stierkampf aus dem Jahre 1809 beschreibt wurde verfaßt (vgl. Paolo Breber, op. cit. ).
Heute werden (Gott sei Dank) diese Stierkämpfe in Italien nicht mehr durchgeführt. Der Cane Corso wird noch von einigen Rinder und Büffelzüchtern gehalten, hat aber als Treibhund seine Funktion weitgehend verloren.

Mit seinen Ausführungen will Paolo Breber die Bedeutung des Cane Corso als Schutz und Treiberhund wieder mehr herausstellen. Auch heute hätte er noch eine berechtigte Funktion bei Schlachthöfen. Gerade die hochgezüchteten Rinder (Frisona und Bruno Alpina) gelten als sehr temperamentvoll und es kommt vor, daß beim Transport ein Tier ausbricht. In der Tageszeitung Il Mattino di Padova vom 30. Mai 1995 wird von einem Unglücksfall berichtet: TORO SCATENATO PER IL CENTRO: (Ausgebrochener Stier im Zentrum)...Carabinieri (die örtliche Polizei) verfolgte den mächtigen Stier (der aus dem Schlachthof entkommen war) durch die Straßen der Stadt. Nach einer langen Verfolgungsjagd umzingelten die Beamten das Tier und töteten es mit 50 Pistolen und Maschinengewehrschüssen. Der Stier war am frühen Morgen in den kommunalen Schlachthof der Via Breo gebracht worden. Allerdings gelang es ihm das Seil, mit dem er angebunden war, zu zerreißen. Er entkam durch das Haupttor. Auf seiner wilden Flucht überrannte er zwei Schlachthofangestellte, überquerte die Gleise der Eisenbahn Adria Piave und rannte in Richtung des Industriegebietes von Tagnana. Die Carabinieri verfolgten den Stier, der, nachdem er in die Enge getrieben wurde, begann die Polizisten anzugreifen. Die 50 Schüsse aus den Pistolen und Gewehren der Carabinieri ließen den Bullen zusammenbrechen. Er atmete noch weiter, bis schließlich ein Kopfschuß das (arme) Tier tötete...
Paolo Breber beschließt seine Ausführungen mit einem persönlichen Resümee: Il Cane Corso e` superato? Ist der Cane Corso überholt? mir scheint so, angesichts der Machtlosigkeit der Menschen in einer Notsituation die bei Schlachthöfen vorhersehbar ist und durchaus vorkommen kann. Ein gutes Hundegespann hätte in wenigen Sekunden wieder Ordnung geschaffen.
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